Modell der Tensegrität

Tensegrität (engl. Tensegrity)

Diesmal möchte ich Sie auf eine Reise zur Entstehung und zur räumlichen Organisation Ihres Körpers einladen. Durch Ihr gewonnenes Verständnis können Sie sich aktiv an der Gesunderhaltung Ihres Körpers beteiligen. Das theoretische Wissen dient unseren Physiotherapeuten in der Fuß-Schule München als Grundlage für unser Behandlungskonzept „Die Kunst des Gehens“.

Wachstum und räumliche Organisation

Sie sind kein aus Metall und Plastik gefertigtes Industrieprodukt, welches von einem Konstrukteur entwickelt und dann in seinen Einzelteilen verbunden wurde. Sie sind aus der Verschmelzung einer Ei- mit einer Samenzelle entstanden. In der Wachstumsphase als Embryo und auch später als Kind haben sich die Zellen in einer riesigen Anzahl vermehrt und durch räumliche Wandlungsprozesse, ähnlich dem Bau eines Papierschiffchens, durch Aus- und Umstülpungsprozesse organisiert. Ihre Arme sind beispielsweise aus dem oberen Rumpf, Ihre Beine aus der unteren Rumpfhälfte, aus Bauch und Becken, hervorgewachsen.

Um Ihre Extremitäten und Ihren ganzen Körper im dreidimensionalen Raum bewegen zu können, hat sich ein aus vielen Knochen, Gelenken, Muskeln und Bindegewebszügen bestehendes Bewegungssystem entwickelt. Wie aber interagiert dieses System mit den physikalischen Kräften wie Schwerkraft, Bodenreaktionskraft, Massenträgheit und in der Bewegung auftretenden Brems- und Beschleunigungskräften?

Tensegrität oder die räumliche Organisation von Gewebe

Ich möchte Sie zur Beantwortung dieser Frage mit einem noch sehr neuen Begriff vertraut machen: Tensegrität, oder in seiner ursprünglichen aus dem englischen Wörtern „tens“ (Zugspannung) und „integrity“ (Ganzheit, Einheit) gebildeten Form „tensegrity“. In flüssigkeitsgefüllten Körpern, die zum größten Teil aus Weichteilen wie Muskulatur und Bindegewebe bestehen, gelten die seit dem 17. Jahrhundert angenommenen biomechanischen Gesetze nur eingeschränkt. Wir können unseren Körper nicht mit einem Klötzchen auf Klötzchen aufgestellten Turm vergleichen, an dem – ähnlich einem Kran – mit Flaschenzügen (Muskeln und Sehnen) Lasten, wie unsere Arme und Beine, bewegt werden.

Dieser Denkansatz kann uns weder die Aufrichtung noch die Bewegungsabläufe beim Gehen zufriedenstellend erklären, da die Kräfte für unsere Muskeln in der Bewegung zu groß sind. Anstatt unseren Körper mit einem aus festen Bestandteilen zusammen gesetzten Turm oder einem Kran zu vergleichen, beruht der Zusammenhalt unseres Körpers nicht auf dem Aufeinandersetzen der Knochen unter Druck, sondern aus dem Gleichgewicht der Zugspannungskräfte von Muskulatur und Bindegewebe – der Tensegrität.

Unser Skelett ist kein stabiler Rahmen, an dem die Muskeln aufgehängt sind. Unser Körper ist ein unter Zugspannung stehendes, dreidimensionales Netzwerk, in dem die druckstabilen Knochen in den Gelenken unter Zug der Weichteile gehalten werden. Die gelenkbildenden Knochen, stehen nicht mit Druck aufeinander. Sie werden bei guter Körperkoordination, gutem Stoffwechsel und Gewebezustand der Muskulatur und des Bindegewebes unter Zug gehalten. Deshalb kann jede Verletzung der Weichteile durch Narbenbildung, wie sie immer bei Operationen erfolgt, in der Nachfolge über längere Zeit durch mangelnde Zugspannung auch eine Schädigung der Gelenke verursachen. Deshalb ist jede mögliche konservative Behandlung nicht absolut nötigen operativen Eingriffen vorzuziehen.

Das Modell der Tensegrität
Hier sehen Sie ein Modell der Tensegrität der Wirbelsäule:

Modell der Tensegrität

Die runden Holzkörper sind dem Aufbau der Wirbelkörper vergleichbar. Die Fortsätze sind durch elastische Gummibänder, die Zug ausüben, miteinander verbunden. Beachten Sie im Bild die Reaktion der oberen drei Holzkörper. Sie werden aufgrund der Anordnung der unter Zug stehenden Bänder gegen die Schwerkraftrichtung auf Abstand gehalten. Sie liegen nicht aufeinander. Das System der Tensegrität wandelt den Druck der einwirkenden Schwerkraft in Zugspannung.

Bindegewebe und Muskulatur
Die Zugspannung wird durch mehr oder weniger elastische oder straffe Fasern in Ihrem Körper gewährleistet. Fasern können von Zellen produziert werden oder sie sind Fortsätze von Zellen. Für die Bewegung Ihrer Gelenke bilden Muskel- und Bindegewebszellen mit ihren Fasern in ihrer Funktion eine Einheit, die der Steuerung Ihres Nervensystems unterliegt. Der Muskel ist von einer Bindegewebsfaszie (feine dünne Haut) umhüllt und an seinen Endpunkten mittels Sehnen, die ebenfalls zum Bindegewebe gezählt werden, befestigt. Dabei können sich nicht nur die Fasern der Muskelzellen verkürzen und verlängern, sondern auch Ihre Sehnen.

Untersuchungen in der Forschung zum Laufen und Gehen bei Tieren weisen darauf hin, dass für die ersten 2–3% der Längenänderung aufgrund der Elastizität der Sehnen wenig Kraft von Nöten ist. Die nächsten 2–3% Längenänderung entstehen durch eine lineare Zunahme der Zugkraft. Die Sehne gleicht dabei einem mehr oder weniger elastischen Gummizug und hat deshalb auch eine Energiespeicherkapazität.

Was passiert beim Gehen?
Bei einer guten Körperkoordination kommt es durch den Bodenkontakt des abbremsenden Fußes und der gleichzeitigen Vorwärtsbewegung des Körpers über dem stehenden Fuß zu einer Winkelveränderung in der Stellung der Fuß- und Beingelenke, jedoch nicht zu einer Längenänderung der aktivierten Muskulatur. Das bedeutet, dass beim Gehen die Muskeln zwar angespannt werden, diese Spannung wird aber genutzt, um die Sehne, welche die Funktion eines elastischen Gummibandes hat, vorzuspannen. Der größte Teil des Abstoßes wird dann aus der Energie hervorgebracht, welche die Sehnen während der Vorwärtsbewegung des Körpers über den stehenden Fuß in Spannung versetzt.

Dadurch gelingt es, die Leistung zu optimieren und gleichzeitig die Muskelarbeit zu minimieren. Sie können mit wenig Energieverbrauch der Muskelzellen gehen. Durch die, Schritt für Schritt, andauernde Wiederholung dieses Prozesses beim Gehen entsteht eine Schwingung in jedem Gewebe. Diese Schwingung lässt den Raum größer oder kleiner werden. Es wird Druck in Zug und Zug in Druck umgewandelt. Eigenzellschwingung und äußere Schwingung können sich bei guter zeitlicher und räumlicher Koordination ergänzen. Es entstehen aufeinander abgestimmte Schwingungsmuster.

Der Verlust der Tensegrität

Bei schlechter Koordination führen chaotische Schwingungen ohne gezielte Richtung in unseren verschiedenen Körpergeweben zu unterschiedlichen Reaktionen. In Teilen der Muskulatur entstehen über den dauerhaft erhöhten Energiebedarf Verspannung und Härtung. Im Bindegewebe findet ein Umbauprozess zu Stellen mit Verfilzung und zu vielen Fasern, und Stellen mit einem Zuviel an Flüssigkeit und zu wenigen Fasern statt – und in der Folge zu einem Verlust der beschriebenen Zugspannungsfähigkeit.

In den Knochen kommt es ebenfalls zu Umbauprozessen, insbesondere an den Gelenkenden der Knochen wird durch die erhöhte Druckauslösung, durch den Verlust der Tensegrität, ein Anbau von Knochenmaterial sichtbar. Längerfristig sind von all diesen Veränderungen zu Ihrem Nachteil vor allem Ihre Gelenke betroffen: Sie verlieren durch den erhöhten Druck nach und nach den schützenden hyalinen Knorpelüberzug und können dadurch in Ihrer Funktion eingeschränkt werden.

Die Behandlung in der Fuß-Schule München

In der Fuß-Schule München bekommen Sie auf vielfältige und langfristige Weise therapeutische Unterstützung und „Hilfe zur Selbsthilfe“. Durch die Vermittlung unseres Konzeptes „Die Kunst des Gehens“ in unseren Seminaren und Trainingsgruppen entwickeln Sie ein Verständnis für die räumliche und zeitliche Koordination Ihres Körpers bei der größten alltäglichen Belastung – dem Gehen. Dies führt bei allen Krankheitssymptomen der Füße und Beine zu einer langfristigen Verbesserung.

Aber auch bei allen anderen Gelenkbeschwerden an Becken, Wirbelsäule oder Schultern, Armen und Händen, kommt Ihnen unsere Arbeit zu Gute. Neben dem Gehen ist auch die Schulung aller anderen oft wiederholten Bewegungsabläufe bei Arbeit, Sport und Spiel im Fokus der Fuß-Schule München.

In unserer physiotherapeutischen fünfzigminütigen Einzeltherapie erarbeiten wir mit Ihnen einen Behandlungsplan, um die Hauptursachen von funktionellen Problemen und Schmerzen, Ihrer Art und Weise der Bewegung, in den Griff zu bekommen. Neben der Koordinationsschulung erhalten Sie Dehnungs- und Kräftigungsübungen zur Integration in Ihren Alltag. Durch physiotherapeutische Anwendungen in der Fuß-Schule, durch die Anwendung von sanfter manueller Mobilisation und Massage und vor allem durch die Entspannung der Muskulatur durch Matrix-Rhythmus-Therapie können wir nachhaltig Muskel- und Bindegewebsveränderungen beeinflussen und verbessern.


Matrix-Rhythmus-Therapie zur Entspannung der Unterschenkelmuskulatur