Thomas Rogall

Interview mit Thomas Rogall

Die freie Journalistin Stella Paschen hat sich im Frühjahr 2022 an mich gewandt, um für Ihre Arbeit einige Tipps zum Gehen zu recherchieren. Daraus wurde ein ausführliches Interview, dass ich gerne hier in unserem Blog teile.

Herr Rogall, Sie leiten ja eine Fußschule in München. Da begegnen Sie im Alltag sicher vielen „Falschgehern“, die mit Problemen an ihren Füßen, Knien, dem Becken etc. zu kämpfen haben. Kann grundsätzlich jeder – egal welche Fehlstellung er hat – wieder lernen, „günstig“ zu gehen? In jedem Alter? Mit jedem Gewicht?
Jeder Mensch kann – egal welchen Alters und auch unabhängig von seinem jeweiligen Gewicht – durch eine sinnvolle Koordination bei der größten regelmäßigen Belastung des Körpers – dem Gehen – Verbesserungen und meist auch Schmerzfreiheit in seinem Bewegungssystem erzielen. Mit „Geduld und Spucke“ oder mit Talent ein bisschen schneller, können Fehlstellungen verbessert werden. In unserer Arbeit findet die Individualität unserer Körper bei physiotherapeutischer Einzelberatung, aber auch in Kursen, Workshops und Trainingsgruppen große Beachtung.

Wenn Sie einem Kind „richtiges Gehen“ erklären könnten: Wie sähe das aus? Worauf müssen wir achten?
An erster Stelle steht für mich, wenn es um „richtiges Gehen“ geht, bei Kindern aber auch bei Erwachsenen Freude an der Bewegung. Ohne Spaß kein Rhythmus und keine Schwingungsfähigkeit, die wichtigsten Prinzipe beim Gehen. Für kleine Kinder ist dies bei einer intakten Umgebung meist ein Kinderspiel. Erwachsene Menschen sind leider durch die lange vorwiegend sitzende Schulzeit, durch kulturelle und soziale Anpassungen auf Leistung und Optimierung getrimmt. Das nimmt uns oft die Leichtigkeit in der Bewegung.

Warum ist gerade das Becken für einen guten Gang so wichtig?
Wir richten uns mit ca. 9-12 Monaten auf. Diese Aufrichtung findet in unserem Hüftgelenk, einem Teil unseres Beckens, statt. Das Hüftgelenk ist dabei Zentrum unserer Balance in der Standbeinphase über dem Fuß. Unser Becken ist außerdem die Verbindung unserer zwei Beine und dient mit den größten Muskeln unseres Körpers als Kraftzentrum beim Gehen. Wir schwingen unsere Beine vor allem durch den Hüftbeuger nach vorne, einen Muskel der in seinen größten Anteilen von der Lendenwirbelsäule und dem inneren der Hüftbeine entspringt und zum Oberschenkel zieht.

Was verbessert sich in der Gesundheit eines Menschen, wenn er den für sich günstigsten Gang wieder beherrscht? Ist das im Wohlbefinden spürbar?
Die eigene Schwingungsfähigkeit und Leichtigkeit beim Gehen zu empfinden, führt zu Balance und Harmonie, zu einem Gefühl großer Stimmigkeit und Bewusstheit, zu einem inneren Aufatmen. Dies drückt sich in allen Bereichen des Körpers aus: Elastizität mit gleichzeitiger Stabilität der Füße und Beine, Kraft und Halt in unserem Becken, Geschmeidigkeit unserer Wirbelsäule, ein gut getragener Kopf, der mit all seinen Sinnen die Welt erkundet.

Und anders herum: Wie wirkt sich ungünstiges Gehen auf unseren Körper aus?
Es ist möglich – aber anstrengend und schwer, da die Balance über der kleinen Fläche der Füße mit erhöhtem Aufwand bereitgestellt werden muss. Diese Schwere wird als erstes von unseren Muskeln, die 40 Prozent unserer Körpermasse ausmachen, vermittelt. Schwankt mein ganzer Körper oder ist meine Köpermitte beim Gehen instabil, ist mein Becken nicht aufgerichtet und mein Kopf durch eine unbewegliche Wirbelsäule nicht gut getragen, verspannt sich Muskulatur. In der Folge verändern sich die Faszien (Muskelhüllen) und auch alle anderen Anteile des Bindegewebes. Durch die anschließende ungünstige Verteilung von Druck und Zugkräften in unseren Gelenken werden letztendlich die wichtigen Knorpelflächen im Inneren schlecht ernährt. Typischerweise leiden Füße, Kniegelenke, Lendenwirbelsäule und Halswirbelsäule zuerst.

Wenn ich nicht zum Arzt gehen möchte: Wie kann ich selbst an mir überprüfen, ob ich wirklich richtig gehe?
Macht es Spaß? Ist mein Gang ein Tanz? Gehe ich gerne? Oder habe ich keine Lust auf Bewegung? Man soll ja jeden Tag mindestens 10.000 Schritte gehen. Ist die Qualität aber schlecht, werden wir nur gezwungenermaßen auf Anweisung und aus schlechtem Gewissen gehen. Das sind ungünstige Voraussetzungen. Dann werden Sie wahrnehmen, dass Ihre Füße und Knie beim Gehen nicht nach vorne zeigen und in den unterschiedlichen Gangphasen desorientiert drehen und wackeln, das Becken instabil ist und der Oberkörper steif und angestrengt versucht, die Balance zu wahren.

Wie kann ich „richtiges Gehen“ üben?
Die wichtigste Übung für das Gehen ist die Achtsamkeit für Rhythmus und Schwingung des Körpers im Gehen. Im oft geübten Einbeinstand können die Muskeln des Standbeins gekräftigt und die Wahrung der Balance vorbereitet werden, durch Dehnungen der Bein- und Hüftgelenksmuskulatur wird die Elastizität und damit die Dynamik gefördert. Das wichtigste fehlt allerdings: Die Vorwärtsbewegung des Körpers durch Raum und Zeit, der Schwung. Gehen Sie deshalb nach dem Lesen dieser Zeilen los und versuchen Sie mit dem folgenden Wissen und den folgenden Vorstellungen zu experimentieren:

1.
Gehen ist kontrolliertes nach vorne Fallen. Das Lot des Körpers neigt sich je nach Geschwindigkeit in Gehrichtung. Der Schritt nach vorne wird durch die minimale Neigung des ganzen Körpers eher kürzer als lang. Das Knie ist dadurch bei der Landung weich und federbereit. Die Landung des Fußes erfolgt sanft und flächig auf der Ferse. Der Fuß schiebt in der Folge den Boden durch die vollständige Streckung des Beins sanft nach hinten. Spüren Sie die Sanftheit Ihres Auftritts? Oder sind Sie schon von weitem zu hören?

2.
Konzentrieren Sie sich jetzt auf das Armpendel. Es wird durch die feine Drehung des Brustkorbs ausgelöst und hindert Sie daran, bei jedem Schritt zur Seite zu schwanken. Nehmen Sie deshalb das Gewicht Ihrer durch die Schwerkraft nach unten hängenden Arme wahr. Können Sie loslassen (u.a. Handys und alle Taschen) und das Gewicht jedes einzelnen Fingers spüren? Dreht sich Ihr Brustkorb abwechselnd immer ein bisschen nach links und rechts? Pendeln Ihre hängenden Arme dadurch bei jedem Schritt?

3.
Jetzt versuchen Sie das Experiment des Armpendels mit Ihren Beinen zu wiederholen: Stellen Sie sich vor, dass sie – wie Ihre Arme aus dem Brustkorb – aus Bauch und Becken nach unten hängen. Ihre Beine sind ebenfalls zwei abwechselnd links und rechts über Kreuz zu den Armen schwingende Pendel. Sie müssen für einen Schritt ein Pendel, Ihr Bein, nach vorne und nach oben schwingen. Dies erfolgt durch die Bewegung von Becken und Bauch. Orientieren Sie sich am schwingenden Gefühl ihrer Armen und der feinen Drehung des Brustkorbs.

Wie geht es ihnen?

Was ist Ihre Empfehlung: Wie viel sollte ein Mensch täglich gehen?
Nicht die Anzahl ist entscheidend, sondern die Qualität. Das fördert das eigene Wohlbefinden. Die Gehstrecke wird sich bei guter Körperkoordination von selbst verlängern, da es dann Spaß macht. Bei einer schlechten Qualität werden alle Gelenke leiden. Dann ist es oft besser andere Fortbewegungsmöglichkeiten zu nutzen wie z. Bsp. ein Fahrrad.

Sind Sie selbst „leidenschaftlicher Geher“? Wenn ja, warum?
Ich bin freudvoller Geher. Gehen hilft mir meiner innewohnenden Schwingungsfähigkeit und Leichtigkeit bewusst zu werden und mit freundlichen Augen meiner Umgebung zu begegnen.

Thomas Rogall, vielen Dank für ihre Ausführungen!